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WEIHNACHTSALPTRAUM

 

Sie war gerade mal fünfzehn Jahre jung, den grünen Irokesen steil aufgerichtet und hatte sich kürzlich erst eine frische Sicherheitsnadel durch die Nase gejagt. Es war kalt unter der alten Lederjacke, deren Rücken ein großes „A“ wie Anarchie mit einem Kreis darum zierte. Durch die zerrissene Hose zog der eisige Wind. Vor sich schob sie ein ungeborenes Kind unter dem Herzen her. Ihr war übel vor Hunger und der Magen rebellierte. Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal etwas gegessen? Es musste heute Morgen gewesen sein. Ein halbes Brötchen und einen halben Becher Kaffe. Mehr war nicht drin! War es doch etwa ein Fehler von zu Hause abgehauen zu sein? Bloß nicht darüber nachdenken! Neben ihr schritt der zukünftige Stiefvater des ungeplanten Kindes und man teilte sich die letzte Kippe. Der Erzeuger war wie von Geisterhand vom Erdboden verschwunden. Doch dieser Begleiter, der sie schützte, stand zu ihr und zu dem kleinen ungeborene Lebewesen. Auf jedem Fall beteuerte es immer wieder. Vom Outfit unterschieden sich die zwei heruntergekommenen Personen nicht wesentlich. Zwei schräge Vögel, mit viel Leder, Ketten und Nieten, die sich auf der Suche nach ihrer Identität waren. Schon lange reisten sie durch das Land. Wollten nur weit weg sein von ihren elterlichen Häusern um dem spießigen Tratsch der Nachbarn zu entkommen. Leute, die nie jung waren und nichts verstanden.

In vielen Fenstern der Straßen leuchteten bunte Lichter und Weihnachtmotive. Das wilde Herz der Beiden schmolz dahin. Wehmut! Heimweh nach Geborgenheit. Unter den dünn besohlten Schuhen knirschte der Schnee. Er glitzerte unter den Laternen als wären es kleinste Glassplitterchen.

Irgendwann und irgendwo wurde die Scham überwunden und man klingelte an der Tür eines biederen Einfamilienhauses.

Schritte schlürften gemächlich zur Tür. Ein Mann mittleren Alters, der gerade umständlich versuchte seine Krawatte zu binden, öffnete die Tür. Geschockt hielt er inne.

„Was wollt ihr?“, fragte er erschrocken.

„Ik komm aus Berlin und wollte Dir fragen ob wir heute Nacht in der Garage neben dem Haus pennen können.“ Das junge Mädchen deutete auf dem Parkbau, der offen und leer da stand. Dabei streichelte sie nicht ohne Hintergedanken über ihren dicken Bauch.

Der unbekannte Mann lief rot an.

„Seid ihr denn verrückt, asoziales Pack! Schert euch zum Teufel bevor ich die Polizei hole! Am Heiligen Abend die Leute zu belästigen wenn sie besinnlich beisammen sitzen!“ Die Tür wurde zugeknallt und man hörte noch drei Tastentöne seines Telefons.

Das Paar mit der hochschwangeren Frau zog weiter…weg von dem Haus, das im Vorgarten liebevoll mit einer Krippe und der christlichen Geburtsszene geschmückt war. 

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