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Eine angeheiratete Tante und Onkel sind aus Amerika zu Besuch. Sie sind ein, schon in die Jahre gekommenes Ehepaar dir durch dick und dünn gehen. In der letzten Zeit überwiegt das Dicken denn er leidet an Alzheimer, Diabetes, Bluthochdruck und anderen Dingen. Sicherlich kein einfachen Leben. Es ist für beide nicht angenehm, wenn er sich im Gewirr der amerikanischen Großstadt verliert oder auf einmal in einer Nachbarswohnung am Esstisch sitzt. Na ja, wenigsten hat er dadurch schon Freundschaften bei örtliche Polizei geschlossen, die ihn regelmäßig nach solchen Aktionen nach Hause begleiten.

Normaler Weise sitzt er nur dort, wo man ihn „abstellte“ und spricht kein Wort. Eine Herausforderung für mich war es, diese harte Schale zu knacken und ihm zum Sprechen zu bewegen. Nun muss man wissen, dass er in den 60-er Jahren im kommunistischen Komitee der Dominikanischen Republik saß, als hier ein Umbruch inszeniert werden sollte. Seit der Zeit hieß er in der Familie nur „El Comandante“. Klasse, da wusste ich doch wo ich den Hebel anzusetzen habe! So ganz beiläufig fragte ich in den Raum: “Was macht eigentlich Fidel?“ Im Gesicht des Onkels regte sich etwas. Die Augen glühten. „Ich bin Fidelista!“, rief er ungeniert. Zack! Das war es! Und los ging es mit einem Frage und Antwortspiel über den Aufstand in den 60-ern. Erregt erzählte er, teilweise verworren aber verständlich, über seine damalige Funktion in der Partei. Mit dem Kommunismus kann ich persönlich wenig Anfangen, habe aber viel in den Schriften dieser Weltanschauung gelesen, das mir eine gewisse Basis zu jener Konversation gab. Mich überkam eine Idee, denn ich hatte den Fisch am Haken und wollte ihn nicht verlieren. So holte ich den Rechner und suchte in einer Video-Plattform nach alten Kampfliedern und Aufnahmen von Ché und Fiedel Castro. Es war zwar nicht meine Ideologie aber dies tat in diesem Fall nichts zur Sache. Die Freude und Emotionen bei dem alten, kranken Mann waren unbegreiflich. Die restlichen Familienmitglieder fassten es kaum. Es war als hätte man einen Toten zum Leben erweckt. Er konnte nicht genug bekommen und nach der Beendigung eines Videos wollte er das Nächste genießen. Immer wieder lächelt er mich an, ballte die Faust und grüßte mich mit dem Wort „Vorwärts“.

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