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Ich drehe meine Runden durch die karibische Stadt, in der ich wohne. Warum fällt mir gerade heute auf, wie fröhlich die Menschen hier sind? Eigentlich sind sie es jeden Tag aber nicht immer achte ich darauf. Meine Beobachtung wird intensiviert, ich fange an zu analysieren.

Die Fröhlichsten sind meistens auch diejenigen, die nicht mit Reichtum gesegnet wurden. Wobei ich mir nicht anmaßen möchte, die Worte fröhlich mit glücklich in Verbindung zu setzen. Es ist bei ihnen sicherlich eher das Abfinden der eigenen Lebenssituation und die Kunst etwas Positives daraus zu ziehen. Ich schiebe mich weiter durch den lateinamerikanischen Großstadtverkehr. Auf der Spur neben mir sitzt einer in seinem Wagen, der es geschafft hat. Feiner Anzug und das neueste Modell eines Luxusmodels made in Germany.

Fast einem Infarkt nahe gestikuliert  er wild während sein Handy am Ohr klebt. Sicherlich wichtige Geschäfte. Neben den Fahrzeugen läuft ein gutgelaunter Mandarinenverkäufer, der ein paar dieser Früchte für wenige Pesos anbietet. Ich lasse das Fenster herunter und nehme einige. Ein paar Floskeln, ein kleiner Scherz und etwas lächeln ist immer drin, trotz des hinter uns einsetzenden Hupkonzertes. Aber so viel Zeit für Höflichkeit unter Menschen muss sein. Denn der Kleinsthandel wird noch unter Menschen getätigt, und nicht über Internet oder anonymen Callcentern.

Ich frage mich immer wieder wie ein Straßenverkäufer mit seinem minimalen Verdienst eine ganze Familie durchbringen kann. Und die Familien hier sind nicht gerade klein. Aber er lächelt! Schaut nicht verbissen, nicht niedergeschlagen! Zeigt Spaß am Verkauf und am Leben! Weiter geht es. Der Verkehr wird etwas durchlässiger. In einer zweispurigen Straße wird gerade eine vierte Spur eröffnet. Alles fährt kreuz und quer. Und ich mittendrin… Jeder erkämpft sich sein Recht durch die Hupe. Es kommt wieder zum Verkehrsinfarkt. Stillstand. Kein Vor- und kein Rückwärts. Wir kleben Stossstange an Stossstange. Motore heulen auf und blasen Dreck durch die Auspuffanlage.

Die Hitze steht und gerade jetzt muss meine Klimaanlage ausfallen. Alle Fenster sind nun unten, nur der Fahrtwind fehlt. Es tut sich etwas. Im Schritttempo schleiche ich weiter. Ach so, eine Baustelle. Kein Wunder! Mir kommen zwei lachende Bauarbeiter entgegen. Sie scherzen miteinander. Auf den freien, muskulösen Oberkörpern glänzt der Schweiß. Was für eine Knochenarbeit bei diesen klimatischen Bedingungen. Die Leute, die sich auf ehrliche Art und Weise durch Knochenjobs ihr Geld verdienen, sind jene um die der Luxus kontinuierlich einen großen Bogen schlägt. Für eine minimale Zahlung, denn Verdienst möchte ich es nicht nennen, schuften sie von morgens bis abends um überleben zu können. Gelebt wird erst nach Feierabend. Nicht die Faulen und Vagabunden sind es, die dem Alkohol und den Tanz frönen und sich am Leben erfreuen. Nein, es ist die Klasse der schwer arbeitenden Bevölkerung. Denn die wissen, wofür sie arbeiten; Um ihre Familien durchzubringen und dabei nicht vergessen ihr Leben zu genießen. Und denen sei es auch gegönnt! Leider, oder sollte ich lieber „glücklicherweise“ sagen, fehlt es den Meisten an ausgereifter Bildung, die ihnen in der Kindheit und Jugend versagt blieb.

Für viele in der Ersten Welt hört sich diese Aussage sicherlich grausam an aber wer kann schon glücklicher sein als ein armer, dummer Bauer, der nichts hat und nichts kennt aber es versteht seinen Acker zu bestellen? Diesem Bauern wird es in seinem Leben an nichts fehlen. Das Essen produziert sein Acker und der Überschuss wird in Geld umgewandelt oder gegen andere Produkte eingetauscht. Nach was kann dieser Mensch mehr streben als nach einer guten Ernte und Gesundheit? Abends sitzt er mit seinen Nachbarn bei einem billigen Rum, der die Runde macht, zusammen und erzählt sich bei einem Dominospiel Anekdoten und Neuigkeiten. Nur die Natur hat das Recht seine Zeiten zu bestimmen und nicht der von Menschen künstlich herbeigeführte Stress. Kein Hinterher rennen nach dem großen Geld.

Je schneller man rennt umso weiter scheint es entfernt zu seien. Und das Schlimme daran ist, dass man während der hohen Geschwindigkeit in der man durch das Leben rennt nicht nach links und rechts schaut, sondern die volle Pracht der Schönheit des Lebens an einem vorbei zieht…genauso wie jetzt momentan die Häuser an mir vorbeiziehen. Ich erwache aus meinen Gedanken. Es geht nun zügiger weiter. Prinzipiell ist es hier doch nichts anderes als in Deutschland. Arbeiter werden nur am Kacken gehalten um zu existieren, damit sie den nächsten Tag von neuem ihre Arbeitskraft für einen Hungerlohn in Rechnung stellen können. Man arbeitet nur für die Lebenserhaltungskosten, nur mit dem Unterschied, dass sich karibischen Arbeiter ihren Feierabend und das Wochenende nicht nehmen lassen. Dies genießen sie um zu heftiger bei Rum und Tanz, und wenn es sein muss auf der Straße vor der Haustür. Hier stehen auch noch jedem Arbeitnehmer die Sozialversicherung und das dreizehnte Monatsgehalt gesetzlich zu. Also warum sich nicht lieber hier unter Palmen bei immer guten Wetter versklaven als in Deutschland?

Ich bin an meinem Ziel angekommen und froh, dass ich das Privileg habe in diesem Land sein zu dürfen.

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