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EINE GESCHICHTE FUER DEN WUNDERWALDVERLAG-KALENDER

Der kleine Thomas stand staunend mit glänzenden Augen im Schlafanzug am Fenster. Lautlos schwebten dicke Schneeflocken auf den schwarzen Asphalt. Der Abend war noch jung und verleitete das sorglose Kind zum träumen. In kindlicher Hoffnung hielt er Ausschau nach dem Weihnachtmann, Wichtel, Zwergen oder anderen fabelhaften Wesen seiner Fantasien. In der Welt, die er sich schuf gab es keinen Platz für Probleme. Heiligabend stand vor der Tür und das war Grund genug sich zu freuen, denn da sah er endlich seine Großeltern, Onkel und Tanten wieder. Er genoss es, wenn die ganze Familie zusammen saß. Dabei vergaß er selbst von den ganzen Leckereien zu probieren, von denen die Erwachsenen so schwärmten. Einen Wunschzettel gab es natürlich auch mit ganz vielen Spielsachen. Natürlich wollte er nicht alles davon haben. Thomas schrieb nur viele Wünsche auf, damit wenigstens einer davon in Erfüllung ging.

Doch im Nebenzimmer sah es anders aus. Der Vater saß stumm am Küchentisch, der Kopf auf seine Hände gestützt. Die Mutter stand am Herd gelehnt und schluchzte. Dunkle Schatten um die Augen verrieten, dass viele ihrer Nächte schlaflos waren. Resignation, Wut und Enttäuschung erfüllte diesen Raum. Vor wenigen Wochen ist das eingetroffen, wovor sich der Vater seit langem ängstigte. Bis jetzt lebte er mit der Hoffnung, dass der Kelch immer an ihm, der doch einen gehobenen Posten in der Firma innehatte, vorüber ging. Doch an jenem Tag war er nun nach so vielen anderen an der Reihe. Mit ernster Mine und Entschuldigungsfloskeln wurde ihm die Kündigung überreicht. Es was ein Gefühl von Hilflosigkeit. Machtlos stand er der Situation gegenüber. Die Mutter war ihr halbes Leben lang Hausfrau. Die blieb ihnen nur der Weg zum Amt. Und das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt. Doch die Wirtschaft kannte kein Weihnachten! Die ganze Großfamilie war zu den Feiertagen eingeladen. Und dazu ließ man sich nicht lumpen. Kaviar, Hummer und Gänseleber, nachgespült mit edlem Wein,  gehörte seit Jahren traditionell dazu. Ausladen? Kam nicht in Frage. Und die Geschenke für das Kind! Es war der Erste und Einzige – Dementsprechend wurde es auch verwöhnt. Da konnte man ihm doch nicht nur eine Kleinigkeit unter den Baum legen! Über all diese Probleme zerbrach sich das Paar nun seit Tagen den Kopf. Rücklagen gab es keine. Dafür haben sie das Leben zu sehr genossen. Stand er doch nun auf der gleichen Stufe mit denen, vor denen er doch immer die Nase rümpfte.

Willkommen in der Realität!

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